Identität der Bukarester Deutschen
Es ist meiner Meinung nach schwer möglich, von einer Identität der Deutschen in Bukarest oder in Alt-Rumänien zu sprechen. Wir haben es mit vielen kleinen Gruppen zu tun, die Leute sind auf unterschiedliche Art in diese Gegend gekommen. Nehmen wir das frühe Mittelalter für die Städte der Moldau und Walachei sind deutsche Ansiedler bezeugt, einige sogar als Städtegründer. Was Bukarest betrifft, so war die Stadt sehr günstig gelegen als Rastplatz auf dem Handelsweg in den Orient. Der Ort wurde 1459 in einem Schreiben des Fürsten Vlad Ţepeş zum ersten Mal urkundlich erwähnt, bestand aber schon früher. Wir haben es im Verlauf der Jahrhunderte nicht nur mit einem Zuzug von Siebenbürger Sachsen zu tun, sondern überhaupt von deutschen Leuten aus allen teilen Deutschlands, aus Österreich und der Schweiz, sogar Schweden hielten sich hier zeitweilig auf. Es kamen Handwerker, Kaufleute, Ärzte, Apotheker, Künstler.
In der von uns erlebten Zeit kann von zwei großen Wellen gesprochen werden: Einmal nach dem Ersten Weltkrieg, als sich in der Hauptstadt von Großrumänien für viele Leute aus Siebenbürgen und dem Banat eine Möglichkeit des Brotverdienens bot, es war der Ansatz eines Wirtschaftsaufschwungs vorhanden, so dass das Gebiet auch für Industrielle und Gewerbetreibende noch attraktiver wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstellungen, die er brachte, war der Zuzug ebenfalls von Existenzproblemen bedingt. Es kamen sächsische und schwäbische Handwerker, die insbesondere auf dem Bau Beschäftigung fanden, ebenso Fachleute in die Bukarester Betriebe, ihre Erfahrung war vor allem bei Neugründungen gefragt. Auch eine ziemliche Anzahl von jungen Intellektuellen wurde gerufen, mit denen in Bukarest zum Teil Zentralinstitutionen für die gesamte deutsche Bevölkerung Rumäniens auf die Beine gestellt wurden.
Fürs Altreich werden bei der Volkszählung 2002 knapp 10.000 Deutsche angegeben, einschließlich der 2.388 in Bukarest. Bei der Volkszählung 1977 hatten sich in Bukarest 7.000 Personen als Deutsche erklärt und bei der Volkszählung 1992 noch 4.295; trotzdem hat die Auswanderung bei weitem nicht so einschneidende Ausmaße angenommen wie in den traditionellen Siedlungsgebieten. Wir haben es auch jetzt mit einer relativ stabilen deutschen Bevölkerung zu tun.
Die Deutschen im Altreich haben keine eigene Geschichte gemacht, so wie das bei den Siebenbürger Sachsen Jahrhunderte lang der Fall war und wo andererseits in den vier Bänden der Sachsengeschichte der beiden Bischöfe Teutsch auch der wichtigste Eckstein ihrer Identität gelegt wurde. Hingegen haben deutsche Persönlichkeiten in der rumänischen Geschichte immer wieder eine Rolle gespielt, beginnend mit dem Humanisten Johannes Sommer in der Moldau und bis zu Erzbischof Raymund Netzhammer in Bukarest. Die rumänische Kultur hat von deutschen Leuten wichtige Impulse erhalten, wobei gewöhnlich die zwei Generationen der Bildhauerfamilie Storck angeführt werden. Wenn man sich jedoch ein wenig in die Materie vertieft, /…/ kann man nur erstaunt sein, wo man überall auf deutsche Namen stößt, ganz besonders in der Architektur oder der Gestaltung der Parks und sonstigen öffentlichen Anlagen, aber auch in der Geschichte des Medizinunterrichts sowie in allen möglichen Berufen.
Es wurde einiges über die Geschichte der Deutschen im Altreich geschrieben, am bekanntesten ist die Monographie des ehemaligen evangelischen Stadtpfarrers von Bukarest, Hans Petri. In den Schriften von Karl Kurt Klein, der zeitweilig Hochschullehrer und evangelischer Pfarrer in Jassy war, kann man erstklassige Entdeckungen über die Geschichte der Deutschen in dieser Stadt sowie in Alt-Rumänien überhaupt machen. Für den Autor dieser Zeilen waren andererseits die Tagebücher des katholischen Erzbischofs von Bukarest, Raymund Netzhammer, eine Fundgrube /…/.
/…/ Einrichtungen, die im Gemeinschaftsleben der Deutschen in Bukarest und auch darüber hinaus eine Rolle gespielt haben sind die evangelische Kirche und ihre Schulen, die katholische Kirche und ihre Einrichtungen, die insbesondere zur Zeit des Erzbischofs Raymund Netzhammer ihre deutsche und multiethnische Komponente pflegte, die Germanistik-Fakultät selbstverständlich. Von den Neugründungen sind insbesondere das Demokratische Forum der Deutschen in Bukarest und das Altreichforum wichtig, auch mit der dazugehörigen Wirtschaftsstiftung „Transcarpatica“. Zentralinstitutionen mit ihrer Auswirkung auf das ganze Land sind nach wie vor die Zeitung ADZ, die deutsche Redaktion des Öffentlichen Fernsehens (TVR) und die deutsche Redaktion von Radio Bukarest. /…/
Heute wird Deutsch in Bukarest sehr stark als Fremdsprache unterrichtet, angefangen mit dem Kindergarten. Weil aber bei manchen Leuten immer mehr die Versuchung entsteht, /…/ bundesdeutsche Modewörter nachzuahmen, halte ich die Überlegung der Germanistin Grete Klaster-Ungureanu für besonders heilsam, denen zufolge Rumäniendeutsch eine Stammessprache darstellt, die ebenso wie jede andere ihre Berechtigung hat.
Leute können sich aus verschiedenen Gründen sprachlich assimilieren lassen: Es können einmal wirtschaftliche oder sonstige Karrierevorteile sein. Es kann politischer Zwang sein, die Angst in der Öffentlichkeit seine Muttersprache zu verwenden. Es kann auch die blanke Unmöglichkeit zum Erlernen und zur Pflege der deutschen Sprache sein, das Fehlen von Schulen und sonstigen Institutionen. Heute sind diese Erscheinungen in Bukarest nicht vorhanden, im Gegenteil, es ist von Vorteil, wenn einer Deutscher ist oder Deutsch kann. Dabei spielt auch die romantische Hochachtung der Rumänen vor der deutsche Tüchtigkeit und Verlässlichkeit, aber auch vor dem Wohlstand in Deutschland eine Rolle. Diese Hochachtung hingegen kann dann auch auf unsereinen abfärben, obwohl man als „nationale Minderheit“ ein Leben lang in eine andere Kategorie gehört hat. Ein /…/ Kollege /…/ hielt das immer für ein schreckliches Dilemma: In einer Weltsprache zu hause sein und trotzdem als Minderheit zu gelten /…/.
Dass die Saftigkeit und Lebendigkeit der rumänischen Sprache, die in Bukarest ständig präsent ist, auf einen Einfluss hat, das stimmt. Auf der Straße, im Geschäft, auf dem Marktplatz oder sogar in der Politik gehen einem die rumänischen Wörter leichter über die Lippen. Ich kann also nur soviel sagen, dass ich mich ein Leben lang um beide Sprachen bemüht habe und dass dies vielleicht der schwerste und auch angenehmste Teil der Arbeit war. Um das Pathetische jedoch nicht zu übertreiben: Die Zweisprachigkeit kann einen Menschen und insbesondere einen Bukarester sogar ernähern, man verlangt zwar nicht für alle Übersetzungen Geld – angefangen mit den Begleitzetteln der Medikamente für den Nachbarn und bis zu den besonders anspruchsvollen Telegrammen der Minister an deutsche Stellen -, aber für einige doch. Sollte das am Ende zur Identität der Bukarester Deutschen gehören?